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Über Žižek, Tinder und das Subjekt

Von Hendrik in Gesellschaft am 16.10.2016


Nach einigen Wochen Tinder ist es Zeit für ein Fazit. Über Slavoj Žižek, die Theorie des Vergnügens von Lacan und Dating-Apps. Zusammengefasst (tl;dr): This is pure ideology.


Artikel über fehlendes Commitment, Tinder und das Benching, dazu ein Bild von zwei Leuten auf einer Bank. Ich dachte, das passt. (CC BY 2.0 by Andrey, https://www.flickr.com/photos/akras/16753065676/)
Artikel über fehlendes Commitment, Tinder und das Benching, dazu ein Bild von zwei Leuten auf einer Bank. Ich dachte, das passt. (CC BY 2.0 by Andrey, https://www.flickr.com/photos/akras/16753065676/)

Ein weiser Denker sagte einmal, dass die heutige Ideologie innerhalb der westlichen Welt darauf basiere, die Dinge ohne ihre negativen Auswirkungen zu genießen: Bier ohne Alkohol, Süßes ohne Zucker, Milch ohne Laktose, Essen ohne Tier, Sex ohne das "falling in love". Der weise Denker war Slavoj Žižek und wenn es eine Person gibt, die akademisch über Sexualität sprechen kann, ist er es. Er erklärte, dass, wenn man plötzlich bemerkt, dass man eine Person liebt, sich also in einer Verpflichtung befindet, nicht nur die guten Seiten (Sex, gegenseitiges Verstehen, Vertrauen), sondern auch die schlechten Seiten (Streit, Probleme, Verlust) auszuhalten, ändere sich das gesamte Leben. Und das, so Žižek, wollten wir heutzutage nicht mehr, was für ihn eine Tragödie darstellt.

Folgt man ein wenig den etwas jüngeren Angeboten an journalistischen Texten (Zett, Vice und dergleichen), bemerkt man, dass sich viele Texte tatsächlich um Probleme des Komplexes Liebe drehen. Beziehungen werden fast immer nur negativ betrachtet: "Woher du weißt, dass die Trennung ein furchtbarer Fehler war", "Dumm ist, wer sich ewig bindet: Ein Hoch auf die Beziehungsunfähigen!" und dergleichen. Die Startseiten solcher Pseudo-Bravos lesen sich wie ein "How To Prevent Commitment" bzw. "How To Undo Your Mistake Of Becoming Committed". Normalerweise ignoriere ich dergleichen geflissentlich, doch das hat sich vor einiger Zeit geändert. Der Grund: Ich habe mir Tinder installiert.

"Keine ONS!"

Keine Sorge, das folgende wird nicht schon wieder ein Abgesang auf das moderne Daten. Doch bei Tinder kommen viele von Žižek (aber auch von anderen) angesprochene Dinge zum tragen. Zum einen ist Tinder natürlich nicht viel mehr als ein Supermarkt für One Night Stands — mit drei Bildern und einem ironischen Spruch lässt sich schlicht nicht genug über eine Person herausfinden, um überhaupt in die Gefahr eines Commitments zu kommen —Glutenfreier Sex, sozusagen. Interessant ist dann aber wieder, dass erstaunlich viele Nutzer*Innen auf Tinder explizit ihre 500 Zeichen Selbstbeschreibung dazu zu nutzen, den Standardsatz "Keine ONS!" unterzubringen, was auf der sozialen Ebene natürlich wieder aussagt, dass doch ein Commitment gewünscht ist. Aber — und das ist der Punkt — nicht das falsche.

Die gebildete, weiße Akademikerschicht in der westlichen Welt lebt ökologisch korrekt, vegan, rauch-, ethanol- und eben liebefrei. Aber wenn wir dann doch einmal mit dem Flugzeug verreisen, doch mal Fleisch essen, doch mal trinken und rauchen, wollen wir, dass es sich lohnt. Unser Leben ist vollständig durchkapitalisiert und das macht natürlich auch nicht vor der Liebe halt. Warum also "Keine ONS!" auf einem Portal, das mittlerweile ausreichend bekannt für seine One Night Stands ist? Ganz einfach: Wenn wir genügend Personen nach rechts wischen (quasi "liken") und sie dann nach und nach aussieben, zunächst im tinderinternen Chat, später via WhatsApp und dann nach verschiedenen Dates, wollen wir uns sicher sein, dass sich das Commitment, wenn wir es denn zulassen, auszahlt. Tinder hat es erfolgreich geschafft, Menschen in Regale zu packen und mit Preisetiketten zu versehen.

Benching als vermeintliche Lösung

Dieses "sich lohnen müssen" spiegelt sich auch in einer anderen Hinsicht wieder: Wenn wir versuchen, aus zweihundert potenziellen Partner*Innen auszuwählen, haben wir das Problem, dass wir relativ lange darüber nachdenken müssen, wen wir jetzt besser finden, da sich natürlich Charaktereigenschaften nicht quantifizieren lassen. (Auch wenn die Soziologie das seit langem versucht: Nein, es geht nicht vernünftig!) Und das wiederum führt zu einem weiteren, unglaublich absurden Phänomen: dem "benching". Dabei schreibt man Personen einfach nicht mehr, man schiebt sie eben auf die lange Bank, weil sie immer noch potenziell sind, aber man sich noch nicht sicher ist. Dass die andere Person vielleicht mit dem Commitment angefangen hat — wie Žižek sagt, sich gerade im Fall befindet —, tut uns dann, wenn wir bemerken, dass da jemand super verletzt wurde, zwar leid, aber wir machen es dennoch immer wieder. Denn seien wir mal ehrlich: Jeder von uns wurde schon einmal gebencht, und jeder hat bereits Personen gebencht. Und das führt dann zu einer Verstärkung des Problems, da wir lieber selber benchen wollen, als gebencht zu werden, was mit einem Kontrollverlust einhergeht.

Und hier sind wir wieder in der echten Welt. Denn obgleich Tinder derartige Strukturen und Prozesse besonders deutlich zutage fördert, perpetuiert die App nur schon vorhandene Prozesse. Der Kapitalismus erfindet nichts neu, er optimiert nur. Denn das "benching" funktioniert auch in der realen Welt sehr gut. Dann hat das Gegenüber einmal etwas unzweideutiges geschrieben und vor lauter Angst, dass wir uns festlegten, schreiben wir nicht mehr. Dabei ist es egal, ob wir die betreffende Person zuvorderst auf Tinder oder auf der letzten WG-Party getroffen haben.

Bedürfnisbefriedigung als Problem

Was aber lernen wir daraus? Nun, zuallererst ist Tinder die Essenz der Tatsache, dass die heutige, jüngere Generation (Achtung, Unwort: "Generation Y") ein Haufen pathologischer Angsthasen geworden ist, denen Nietzsche, würde er noch leben, am liebsten mit einer Kopie seiner Genealogie der Moral in der Hand zurufen würde: "Nailed it!" Wir versuchen derart, uns nicht festzulegen, dass wir gar nicht merken, wie krass die uns umgebende ideologische Aura bereits in uns steckt. Denn seien wir ehrlich: Eigentlich gibt es keine falschen Entscheidungen und die Hingabe, also das Commitment, ist niemals final (Geschiedene wissen, wovon ich rede). Und wir verbauen uns mit Festlegungen auch keine Optionen, da diese uns eh nicht offen ständen, wir bilden es uns nur ein. Denn so sehr wir uns auch einbilden, für alles offen zu sein, niemals würden wir doch mit einer Person, die wir gebencht haben, etwas anfangen. Was fehlt, ist der Mut, einfach mal "Nein" oder "Ja" zu sagen anstatt immer nur "Vielleicht". Doch anscheinend funktioniert das nicht.

Lacan, dessen Schüler Žižek ist, hat einmal eine Art "Theorie des Enjoyments" verfasst. Es gibt laut Sharpe and Boucher (2010) bei Lacan die Unterscheidung zwischen "pleasure" und "enjoyment". Pleasure wird dabei definiert als die pure Form der Freude, womit aber auch der fiese Begriff der Verpflichtung mitschwingt, denn letztlich bedeutet "pleasure" die absolute Hingabe, denn anderenfalls ist es keine wirkliche Freude — man "fällt in Liebe", wie Žižek es im Video erklärt.

Das "enjoyment" auf der anderen Seite ist die eher mechanistische Art der Befriedigung von Bedürfnissen. Für Lacan, so Sharpe und Boucher (2010: 8), ist es "enjoyment", wenn wir unsere Bedürfnisse einfach nur befriedigen wollen und nicht darauf achten, ob es uns Spaß macht, oder nicht. Denn: macht uns bingewatching von Serien Spaß? Nur bis zu einem gewissen Grad — denn 10 Stunden schauen ist in letzter Instanz extrem anstrengend, und dennoch fühlen wir uns danach befriedigt. Warum? Einfach, weil wir ein Bedürfnis erfüllt haben, aber uns gleichzeitig Schmerzen bereitet haben. So ähnlich verhält es sich auch mit Rauchen, Trinken und Essen: Mit einer Zigarette befriedigen wir ein Bedürfnis, schaden uns aber auch. Alkohol befriedigt auch ein Bedürfnis, sorgt aber für einen Kater. Und Fleisch ist ethisch absolut falsch, aber wenn wir es essen, erfüllen wir uns damit ebenfalls ein Bedürfnis.

Mit einem Beispiel in Sachen Liebe bringen Sharpe und Boucher "enjoyment" auf den Punkt:

"Enjoyment is, for example, what locks the subject into one apparently unsatisfactory relationship after another with, for instance, those controlling boyfriends or hypercritical girlfriends. It is what subjects are 'getting off on' amid all their apparent misery, and it is why, every time they resolve to put a stop to this sort of relationship, what they in fact do is get in deeper, or find another person with whom to repeat the pattern." (Sharpe und Boucher, 2010, S. 8)

Und indem wir Menschen benchen, keine Beziehung eingehen wollen, aber trotzdem "Keine ONS!" schreiben, befinden wir uns in ebendiesem Kreislauf des "enjoyments" und kommen nicht raus, weil wir die "pleasure" haben wollen, die uns vom Kapitalismus angeboten wird, aber nur "enjoyment" bekommen. Wir haben verlernt, Commitment zuzulassen, weil wir dann natürlich vom "Markt" verschwunden sind und nicht mehr verwertbar sind, was unter allen Umständen verhindert werden muss. Tinder und alle anderen Datingportale machen nichts anderes, als genau diesen Prozess aufrecht zu halten, uns immer mit "pleasure" locken, aber uns nur "enjoyment" zu ermöglichen.

Kommen wir zurück zum Anfang: Was bringt es uns, Alkoholfreies oder Cola Light zu trinken? Nicht die "pleasure" eines "richtigen" Bieres oder einer "richtigen" Cola, sondern nur ein "enjoyment". Wir haben also zwei Möglichkeiten: Wir machen so weiter wie bisher, versuchen verzweifelt, uns nicht festzulegen und verharren in diesem "enjoyment"-Teufelskreis, oder wir lassen echte "pleasure" zu und lernen, die negativen Auswirkungen hinzunehmen. Dann haben wir halt mal einen Kater, bekommen halt mal über den Winter einen Bierbauch oder haben halt mal eine Beziehung, an deren Ende wir uns fragen, wieso wir das gemacht haben. Aber dafür haben wir nicht immer dieses miese "Nichts halbes und nichts ganzes"-Gefühl, sondern echtes Vergnügen. Nehmen wir diesen fiesen Ausspruch "Yolo" doch mal ernst und nicht immer so pseudo-ironisch — denn wir leben nur einmal, und es soll Leute geben, die sich schonmal totgesucht haben.

Solange bleibt nur, was Žižek berühmt gemacht hat:

Shish ish pure ideology! *sniff*

Literatur

  • Sharpe, M., & Boucher, G. (2010). Žižek and politics: a critical introduction. Edinburgh: Edinburgh University Press.

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