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Auf ein Wort zum "Avolatte"

Von Hendrik in Gesellschaft am 25.05.2017


The hypetrain is on again: Seit einiger Zeit wird die Avocado als _das_ Lifestyle-Produkt weltweit gefeiert. Insbesondere in den großen Metropolen kommt die Frucht derzeit sehr an. Das Problem: Ihre Umweltbilanz und die nach außen vertretene, ökologisch korrekte Haltung ihrer Befürworter. Zeit für eine Abrechnung!


Es war ja so klar, dass es auf unsplash.com auch beim Thema Avocados massenweise Fotos geben würde; oller Hipsterschuppen! (Foto von Nur Afni Setiyaningrum, https://unsplash.com/photos/NIBKggQ-bVM)
Es war ja so klar, dass es auf unsplash.com auch beim Thema Avocados massenweise Fotos geben würde; oller Hipsterschuppen! (Foto von Nur Afni Setiyaningrum, https://unsplash.com/photos/NIBKggQ-bVM)

Lifestyle-Trends kommen und gehen. Die einen sind eher verständlich (wie jener, nahrungsmitteltechnisch gesünder zu leben - Stichwort Öko und Regional), die anderen weniger (wie jener um sogenannte Superfoods) und wieder andere sind weder unverständlich noch verständlich (wie z.B. das plötzlich aufgekommene Interesse an Mate und Chai Latte oder, ganz neu, pochierte Eier). Doch es gibt mittlerweile eine vierte Kategorie, die ich aufmachen möchte, weil mich das Thema massiv aufregt.

Über so Trends wie Superfoods und ob das ausschließlich regionale Kaufen von Obst und Gemüse gut oder schlecht sind, lässt sich diskutieren; meist schwankt die Wahrheit zwischen den beiden Polen, dass es etwas bringt oder dass es eine reine Nebelkerze ist. Doch es gibt einen Trend, den kann ich nicht nachvollziehen: Avocados. Mittlerweile sind sie überall zu finden - in New York hat erst kürzlich ein eigens dafür eingerichtetes Café aufgemacht, welches so ziemlich alles anbietet, was mit Avocados zu tun hat. Avocados liegen im Trend und das führt natürlich zu den üblichen Absurditäten - den Vogel abgeschossen hat für mich der erst wenige Wochen alte "Avolatte", wo ein Latte Macchiato nicht in einem Glas, sondern in einer f***ing Avocadoschale kredenzt wird!

Doch warum sollte ich mich darüber aufregen? Es ist eigentlich, objektiv betrachtet, nur erneut eine dieser merkwürdigen Spitzen in einer Trendwolke, die aufkommen müssen, bevor das Thema endgültig wieder platzt und in die Nische zurückkehrt, aus welcher es gekommen ist. Doch etwas stört mich am Avocado-Trend, das mich selbst an der Superfood-Diskussion eher kalt gelassen hat: Die Hybris derjenigen, die ihn fahren.

Denn wer fährt momentan auf Avocados ab? Es ist mehrheitlich die etwas besser gestellte Schicht der Millennials in den Großstädten und Metropolen der Welt — von New York bis Sydney lässt sich beobachten, dass insbesondere NGO-Worker, Google-Angestellte und Startup-Mitarbeiter nach Superfoods auf den Avocadozug aufgesprungen sind und sämtliche Bremsen von sich geworfen haben. Jeden Morgen gehört eine Avocado aufs Toast, in die Schale dann ein Latte und abends gibt es dann Brot mit Guacamole. Das wäre alles halb so wild, wenn da nicht noch eine zweite Seite wäre: Die nach außen präsentierte Umweltbewusstheit.

400 Liter Wasser vs. Luxusgut

Ebendiese Personen, welche nun in Avocado baden, haben nämlich bis vor einem halben Jahr allesamt noch die nicht von der Hand zu weisende Umweltbilanz des Avocadoanbaus kritisiert. Bis vor einem halben Jahr, also bis zu der Zeit, wo "Regiöko" noch in war, galten Avocados als die Ausgeburt der Hölle für unseren Planeten, weil pro Avocado rund 400 Liter Wasser benötigt werden. Auch das wäre ja noch kein gesteigertes Problem, wenn man kollektiv und konsequent von Umweltschutz auf Avocadobaum umgestiegen wäre, denn auch dann könnte man sich ja nicht beschweren, dass auf der einen Seite die Umwelt mit Füßen getreten wird, und auf der anderen Seite eben dafür demonstriert wird. Doch genau das passiert gerade.

Insbesondere in den Kreisen, die jetzt Avocado mit Nivea zu verwechseln scheinen, ist ja weiterhin eine Mischung diverser Trends wie Minimalismus, Postmaterialismus und Energieeffizienz zu beobachten. Das einzige, was diese Menschen besitzen, ist ein altes Rennrad, ein MacBook und eine spartanisch ausgestattete Ein-Zimmer-Wohnung, deren einziges Leuchtmittel eine Kerze irgendwo auf einer Weinkiste ist. Während also lifestyle-technisch immer wieder darauf geachtet wird, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu minimieren, wird auf der anderen Seite die Avocado als neuer Trend in einer Form zu feiern, die den alten Abdruck wiederherstellt.

Menschenrecht auf Avocado?

Ist das nun ein Problem? Wir erinnern uns daran, dass ein ethisches Leben im Kapitalismus eh nicht möglich ist, und es kam in der Tat erst kürzlich das Argument auf, man möge sich selbst doch nicht wieder kritisieren, dass man Luxusgüter konsumiert, denn in einer wahrlich solidarischen Gemeinschaft ist ja Luxus eh für alle. Menschenrecht auf Avocados! Und gegen das Argument als solches ist auch nichts einzuwenden, doch erneut liegt das Problem hier begraben in der Unterscheidung zwischen Form und Inhalt. Während die Form des Avocadogenusses als ein Zeichen zu werten ist, dass Luxus für jedermann zugänglich sein sollte, ist der Inhalt zutiefst prätentiös. Denn letztlich ist, lassen wir dieses Argument gelten, der Konsum der braunen Früchte eine Trotzreaktion auf ein System, welches uns sukzessive Luxusgüter verwehrt, welche wir uns dann in Akten kleiner Rebellion wieder holen.

Ist das dann Grund genug, Avocados zu essen; ein Frucht gewordener Mittelfinger gegen den Kapitalismus? Vielleicht. Ähnlich ergeht es mir ja, wenn ich als linksradikaler AZ-Supporter und Antisemitismusfeind komplett im Apple-Kosmos aufgehe. Doch im Gegensatz zu vielen Avocadosupportern und Weltverbesserern kann ich meine Position begründen. Ich bin gegen Kapitalismus und nutze dennoch MacBook und iPhone; nicht, weil es nicht Alternativen gäbe, sondern weil es keinen Unterschied gibt, ob ich nun einen ranzigen Billiglaptop nutze oder ein Gerät, das ähnlich furchtbare Herstellungsbedingungen aufweist, mit dem ich jedoch wesentlich besser klar komme und arbeiten kann. Ich esse ab und an Fleisch, weil ich den Tradeoff zwischen Ökobilanz, Tierleben und dem Luxus, nicht ständig auf die Zutatenliste von meinem Essen schauen zu müssen für vereinbar halte und mir der moralischen Komponente durchaus bewusst bin — weswegen ich im Übrigen auch niemals aktiv Werbung für Fleisch machen würde.

Das Problem mit der Avocado ist also nicht die Avocado an sich oder der Hype, der sich um sie herum gebildet hat, sondern die Tatsache, dass insbesondere ihre poweruser diese Hybris zwischen einem nach außen getragenen ökologischen Image und dem krassen Konsum von Avocados nicht bedenken. Bei Greenpeace aktiv und Avocadofan sein ist also, kurz gesagt, schwierig. Hoffen wir einfach, dass Marcus Rohwetter recht hat mit seiner Einschätzung, dass uns dieser furchtbare Trend irgendwann auch wieder verlassen wird und Idee und Handeln der Avocadoisten bald wieder kongruent sein wird. Zumindest, was Früchte angeht.


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