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Anis Amri, Salman Abedi und die Frage nach dem Warum

Von Hendrik in Gesellschaft am 30.05.2017


Nach dem Anschlag von Manchester wird wieder der Ruf nach mehr Polizei und mehr Sicherheit lauter, dabei ist das gar nicht das Problem. Selbst Paul Mason, dem man sonst eher wenig eine konservativ-militaristische Argumentation attestieren kann, nutzte im Guardian den Ruf nach mehr Polizisten, um Theresa May Versagen vorwerfen zu können. Zeit, noch einmal die richtige Diskussion nach dem Charly Hebdo-Anschlag auszugraben und aufzuzeigen, wie man Terrorismus immer noch am besten vorbeugt: mit Integration.


In der Manchester Cathedral fand vor wenigen Tagen die Andacht für die Opfer des Anschlages in der Manchester Arena statt. (Public Domain by Michael D Beckwith; https://flic.kr/p/kgp6Ct)
In der Manchester Cathedral fand vor wenigen Tagen die Andacht für die Opfer des Anschlages in der Manchester Arena statt. (Public Domain by Michael D Beckwith; https://flic.kr/p/kgp6Ct)

Das Muster bei Terroranschlägen ist stets dasselbe. Zunächst geschieht der Anschlag. Im zweiten Schritt werden immer mehr Details bekannt — in den meisten Fällen gehört dazu, dass den Ermittlungsbehörden der Attentäter bereits seit längerer Zeit bekannt war und es zumindest Indizien für den Anschlag gegeben hatte. Zudem wird hin und wieder auch einmal bekannt, dass es schlicht Ermittlungsfehler gegeben hatte. Dies war bereits bei Anis Amri so und dies scheint auch beim Attentäter von Manchester, Salman Abedi, so gewesen zu sein. Im Fall Anis Amri scheinen die Behörden sogar versucht zu haben, nachträglich Ermittlungsfehler zu vertuschen, um nicht ganz so schlecht dazustehen. Dies zeigt, wie so oft, dass der beinahe schon natürlich aufkommende Ruf nach mehr Polizei und mehr Rechten der Exekutivkräfte nicht nötig ist. Es gibt sowohl schon genügend Polizei als auch genügend Maßnahmen, mittels derer solche Leute gefasst werden könnten.

Warum also aufregen? Das Spiel ist soweit schon altbekannt und eintrainiert: Ein Anschlag passiert; kurz darauf fordern Politiker mehr Rechte und die Polizei mehr Geld; worauf die Kritiker solcher Forderungen argumentieren, dass mehr Polizei nicht nötig sei. Selbst Paul Mason, den ich persönlich eigentlich schätze, hat kürzlich im Guardian den Ruf nach mehr Polizei geäußert — und das anscheinend nur für plumpe strategische Zwecke, weil er so versucht, der damaligen Innenministerin Theresa May Versagen vorzuwerfen. Doch was nötig wäre ist die Frage danach, wie wir Anschläge generell verhindern könnten. Dann wäre auch der Diskussion um mehr Polizei der Wind aus den Segeln genommen und es wäre erheblich einfacher, nach einem Anschlag richtige Maßnahmen zu treffen.

Vorbeugende Polizeiarbeit ist immer schwierig, weil mit Wahrscheinlichkeiten und Potenzialitäten gearbeitet werden muss. Ist jemand, der sich über das Christentum auslässt, ein potenzieller Terrorist? Zudem ist die Bewertung verschiedener Handlungen solcher späteren Terroristen stark kontextabhängig — das mehrmalige Registrieren als Flüchtling unter verschiedenen Namen wie im Falle Anis Amri erscheint nach der Tat natürlich suspekt, doch wer das deutsche Asylrecht kennt und weiß, wie gering die Chancen vieler Asylbewerber momentan auf Akzeptanz sind, kann das auch anders bewerten — als marktökonomische Maximierung der eigenen Chancen auf Asyl. Das vorbeugende Inhaftieren also ist immer mit dem Risiko, Unschuldige zu fassen, verbunden. Zudem gerät dann das gesamte Rechtssystem in eine Schieflage, weil der Grundsatz In Dubio Pro Reo zu einem In Dubio Contra Reo wird — statt dass die Ermittlungsbehörden die Schuld eines Angeklagten feststellen müssen, muss dieser seine eigene Unschuld beweisen. Das ist unmöglich im Falle von Anschlägen, da eine Person nicht gefährlich ist, bis der Anschlag wirklich passiert. Die Umkehrung dieses Grundsatzes lässt sich auch im Drohnenkrieg der Koalition im Nahen und Mittleren Osten beobachten — die Deklaration aller Opfer eines Drohnenschlags als potenzielle Kombattanten ist genau dieses in dubio contra reo, welches einer Demokratie nicht würdig ist.

Wie aber sonst soll man etwas verhindern, was so kontingent zu sein scheint, wie Terroranschläge? Wie soll man sich ohne die Überwachung möglicher Täter, deren vorbeugende Inhaftierung und das präemptive Töten von Individuen vor Anschlägen schützen, die sich in der kollektiven Erinnerung stets als "Event" (Badiou) einbrennen? Dazu möchte ich hier an die Diskussion erinnern, welche nach den Anschlägen auf Charly Hebdo in Paris aufgekommen ist. Plötzlich waren die Pariser banlieus im Fokus der medialen Berichterstattung; es gab zahlreiche Reportagen, die auf die desolaten Zustände dort hinwiesen und erklärten, es sei ja klar, dass sich daraus Attentäter entwickeln würden. Leider blieben diese Diskussionen völlig folgenlos. Heute hört man kaum noch jemanden über die Herkunft der Täter reden; in den meisten Fällen sind es wieder — wie in den Jahren vorher — einfach nur irgendwelche mental geschädigten Menschen, welche so etwas halt machen.1 Damit entzieht man jedoch den terroristischen Anschlag seiner Geschichte, seiner Genealogie, die dort hin geführt hat. Jeder Anschlag hat eine Geschichte. Entweder ist es eine Geschichte eines kriegerischen Aktes, geplant von Mitgliedern des Islamischen Staates, oder es ist eine Geschichte des Nihilismus. Dieser Nihilismus ist in vielen Fällen auch verantwortlich für Anschläge oder zumindest Gewalt.

Nihilismus, Alain Badiou folgend,2 entsteht durch das Ausgrenzen, das Exkludieren von Personen aus einer Gesellschaft. Insbesondere in Frankreich sind diese Ausgrenzungen vor allem von nicht "reinen" Französ*innen besonders massiv. Die Banlieus werden nicht einmal zu Frankreich gezählt.3 Dass diese Menschen dort abgesehen von Jobs auch keine sonstigen Perspektiven haben, ist eine Binsenweisheit. Was jedoch insbesondere die Menschen, die nicht unter dieser Perspektivlosigkeit leiden, übersehen, ist die Folge dessen: Nihilismus. Wenn ich nichts mehr zu verlieren habe außer meinem Leben, was ist das Leben dann noch wert? Diese Assoziationskette ist insbesondere Personen mit Depressionen oder ähnlichen psychischen Krankheiten bekannt. Nur mit dem fundamentalen Unterschied, dass sich bei einem Nihilismus kein Selbsthass entwickelt, sondern eine totale Gleichgültigkeit zur Welt. Und in dieser absoluten Gleichgültigkeit ist auch ein Menschenleben nur etwas, das halt existiert, aber keinen Wert mehr an sich hat. Und genau in dieser Phase geschieht wahrscheinlich ein Anschlag, den der Islamische Staat dann für sich reklamieren kann.

Was jedoch auch passieren kann, ist, dass die betreffende Person sich aus diesem Nihilismus wieder lösen kann — ihr Seelenheil jedoch in der salafistisch-jihadistischen Ideologie des Islamischen Staates wieder findet. Letztlich ist das ein Prozess, der auch bei vielen spät getauften Personen abläuft. Glaube und Religion gibt Halt, und insbesondere nach Lebenskrisen können die absoluten Thesen einer Religion ein wahrer Balsam für die Seele sein, weil sie die Menschen aus der radikalen Kontingenz (Luhmann) der postmodernen Welt (nicht Luhmann) ziehen. In diesem Fall jedenfalls wird dann die Religion zu einem Katalysator, sich in die Luft zu sprengen — nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber der Existenz, sondern aus einem Hass gegenüber einer Gesellschaft, die diesen Nihilismus überhaupt zulässt. Denn kann diese gerecht sein aus den Augen eines Ausgeschlossenen?

Das beste Mittel gegen Anschläge ist und bleibt also die Integration von Menschen, die sonst von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Das beste Mittel gegen Bomben bleibt, den Menschen nicht das Gefühl zu geben, dass ihr Leben keinen Unterschied macht. Denn wer Freunde hat, wird nicht riskieren, diesen etwas anzutun. Und wenn die Menschen eine Perspektive — Bildung, Job, eine Bleibe — haben, haben sie keinen Grund, Menschenleben als wertlos anzusehen; weder das eigene noch andere. Und damit ist auch letztlich einer der vielen Katalysatoren für Terrorismus klar: Die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft.


  1. Vgl. hierzu auch Grégoire Chamayou, "Drone Theory", S. 68: "[…] by labeling them "terrorist," regards them above all as "abberant individuals," dangerous figures, quite simply mad, or as incarnations of pure evil." 

  2. Alain Badiou, "Wider den globalen Kapitalismus". Ullstein: 2016. 

  3. Insbesondere der Algerienkrieg hat eine riesige Wunde in die französische Gesellschaft gerissen und ist mit verantwortlich für viele der heutigen Anfeindungen, denen sich arabischstämmige oder anderweitig "südländisch" aussehende Menschen ausgesetzt sehen. 


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