Newslitter

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Über Newslitter

»Der Kampf gegen einen Feind,
dessen Struktur einem unbekannt
bleibt, endet früher oder später damit,
dass man sich mit ihm identifiziert«
(Giorgio Agamben)

Als Theodor Adorno in einem seiner berühmtesten Interviews mit der Zeitung DER SPIEGEL im Mai 1969 erklärte, vor zwei Wochen schien ihm die Welt keineswegs in Ordnung, bezog sich diese Einschätzung darauf, dass trotz der erst innerhalb besagter zwei Wochen erfolgten Störung seiner Vorlesung durch Studierende auch vorher schon einiges im Argen gelegen habe. Er mutmaßte, dass die Störer ihn zu einer Loyalität zwingen wollten, ihm praktische Tipps entlocken wollten, wie man denn die Welt verändern könne; getrieben von einem Pessimismus, einer negativen Weltsicht, die sich durch die gesellschaftlichen Zustände erklären lasse. Für Adorno gab es nie ein richtiges Leben im Falschen, da die gesellschaftliche Totalität in ihrer Gänze verändert werden müsse. Mit seiner kritischen Theorie und seinen Kollegen von der Frankfurter Schule versuchte Adorno, eine theoretische Unterfütterung eines kommenden gesellschaftlichen Wandels zu liefern. Gleichwohl: Die Studierenden, welche den versteckten Aufruf zu einem gesellschaftlichen Umdenken im Werk Adornos vernahmen, waren in ihrer praktischen Ausführung kopf- und ziellos und wandten sich dereinst an ihre geistigen Väter mit einem Hilferuf nach Anleitungen zur Revolution. Dass diese Rufe unbeantwortet blieben und auch die gesellschaftliche Zusammensetzung der damaligen Bundesrepublik nicht an einem Diskurs über den Nationalsozialismus interessiert waren und Initiativen wie die "Braune Universität" in Freiburg zerschmettern ließen, führte zu einer in den kommenden acht Jahren immer fataleren Spirale von Gewalt und Repression, die letztlich im Terror des "Deutschen Herbstes" münden sollte.

Auch heute, rund fünf Dekaden nach besagtem Interview, scheint die Welt keineswegs in Ordnung und es lassen sich einige Parallelen zur damaligen Bundesrepublik ziehen. Natürlich sind die Gedanken der damaligen außerparlamentarischen Opposition (APO) mittlerweile fest institutionalisiert; mit den Grünen und den Linken haben es Teile des theoretischen Gerüstes der damaligen Zeit in die Mitte der Gesellschaft geschafft; den Ost-West-Konflikt gibt es nicht mehr und auch die "Entnazifizierung" ist mehr oder weniger durch eine vollständige Demokratisierung der Gesellschaft erreicht. Und doch fühlt sich auch unser heutiges Leben falsch an. Heute sind es nicht Altnazis, die in Universitäten und Politik Posten besetzen und damit einen Argwohn linker Gruppierungen auf sich ziehen. Die neue Gefahr, die sich in den vergangenen Jahren nach und nach in die gesellschaftliche Wahrnehmung erhoben hat, lautet "Rechtspopulismus". Und ob dieser Gefahr ist die heutige Linke genauso kopf- und ziellos wie vor fünfzig Jahren. Beständig wird davor gewarnt, Faschismus und die AfD seien keine Alternative; linke Positionspapiere aus allen Lagern geben beständig negative Affirmationen, sich gegen Rechts zu wenden.

Doch es bleibt ein fahler Beigeschmack. Der Gesellschaft sind die Unkenrufe aus der Linken egal; man fürchtet sich nicht vor einem vollzogenen Rechtsruck. Die Alternative für Deutschland ist für weite Teile der Bevölkerung entweder eine echte Alternative zum momentanen parlamentarischen System oder zumindest kein gravierendes Problem. Als Problem gesehen werden vielmehr die Medien — eine gefährliche Verallgemeinerung — und die "Gutmenschen". Doch die Linke sieht sich natürlich im Recht. Man bekommt das Gefühl, links der Mitte müsse sich niemand erklären, da die Ideen doch objektiv korrekt scheinen. Seit Menschenrechte, Umweltschutz und Bio fest in der westlichen Identität verankert sind, wurden sie zu Tatsachen, die keiner Erklärung mehr bedürften. Kräfte von Rechts jedoch schaffen es trotzdem, alternierende Weltbilder zu propagieren. Die Erzählung von einer Nation erreicht genauso sehr die Menschen wie ein wiedererstarktes Interesse an einer Abschottung gegenüber den als Bedrohung empfundenen Flüchtlingen.

Was also tun? Im Unterschied zu 1969 hat die Linke heute keine einigende Führungsriege wie zu Zeiten der Frankfurter Schule mehr. Es gibt niemandem, der in der Lage wäre, revolutionäre Gruppen mit einer Theorie auszustatten, die es ihnen ermöglichte, die Gesellschaft zum Guten zu verändern. Grabenkämpfe ziehen sich quer durchs Linke Spektrum und während der Faschismus seinen braunen Fuß wieder in die Mitte unserer Gesellschaft stellt, ist die Linke wie gelähmt. Eine Sahra Wagenknecht vermag genauso wenig Sympathien zu erwecken wie ein politisch an Relevanz missender Gregor Gysi. Ein Slavoj Zizek wird genauso angefeindet wie auch Michael Hardt und Antonio Negri nur kleine Splittergruppen erreichen können. Sämtliche Versuche, alternative Weltbilder zu verbreiten, sind zum Scheitern verurteilt und während sich Antideutsche mit Marxisten prügeln und der Poststrukturalismus versucht, sich komplett aus der gesellschaftlichen Debatte herauszuhalten, baut die Rechte über ein Potpurri aus faschistischen und evangelikalen Idealen mit beängstigender Effektivität eine gesellschaftliche Hegemonie.

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen — und genauso wird auch eine Gesellschaft, in welcher rechte Gedanken institutionalisiert sind, nicht auf linke Heilsversprechen antworten. Einer von ökonomischer Deprivation und sozialer Ausgrenzung durch fortschreitende Individualisierung geprägten Gesellschaft ist es egal, dass durch den aktuellen Diskurs Menschen wieder segregiert und ausgeschlossen werden — solange sie nur selbst nicht das Gefühl haben, zu dieser Gruppe zu gehören. Der Mensch ist, anders als von Jean-Jacques Rousseau propagiert, nicht inhärent gut und so wird ein Egoismus insbesondere in Zeiten existenzieller Not immer den Vorrang gegenüber aufklärerischen Idealen erhalten. Wenn es rechtspopulistische Kräfte erfolgreich schaffen, die von Michail Bachtin erdachte und von Zygmunt Bauman aufgegriffene "kosmische Angst" zu addressieren und den Menschen das Gefühl geben, durch die heutige Welt seien sie in Status und Anerkennung bedroht, kann die Linke mit der Forderung nach einer Solidarität aller Menschen untereinander nicht gewinnen.

Wenn wir wollen, dass die Gesellschaft wieder nach links rückt und die Welt zusammenwächst, weil alle Menschen gleich sind, dann müssen wir uns der Tatsache stellen, dass von Rechts derzeit für die Menschen viablere Ideen kommen. Wenn wir dem Humanismus und der Aufklärung wieder zu Geltung verschaffen wollen, müssen wir erkennen, dass ein linker Elitismus nicht hilft, die in Angst und Abgrenzung lebende Bevölkerung ökonomisch abgehängter Gebiete für uns zu begeistern. Und genauso wie die Sozialdemokratie in Deutschland völlig zurecht eines Solidaritätsbruches mit ihrem Elektorat durch Entgleisungen wie Hartz IV und marktgerechter Politik bezichtigt wird, hilft es nicht, wenn Antideutsche Sahra Wagenknecht überschreien und traditionelle Linke daraufhin eine Prügelei mit jenen anfangen.

Was wir brauchen ist eine Überwindung linken Sezessionismus und die Produktion von Humanismus und Aufklärung als Wahrheit. Denn wenn Hardt und Negri in ihrem monumentalen Werk "Empire" schreiben, dass uns nur die Produktion von Wahrheit frei machen kann, müssen wir dies als den entscheidenden Aufruf lesen, dem Rechten Schreckgespenst von Überfremdung und Antiliberalismus einen Geist der Hoffnung entgegen zu setzen. Die Linke muss raus aus der Kritik bestehender Ideen und hinein in eine Produktion eigener Ideen. Gemäß dem Titel des Werkes von Erik Olin Wright müssen wir wieder lernen, reale Utopien zu denken und mit dem Kampf gegen Rechts verbinden.

Das ist das Projekt, dem ich mich — unter anderem mit diesem Blog — verschrieben habe.